Der perfekte Spargelwein?

Nun ist es endlich wieder soweit: Es gibt Spargel!

Und ich kann einfach nicht genug davon bekommen. In allen Farben: grün, violett oder klassisch weiß! In allen Zubereitungsformen: gedünstet, mariniert, gebraten, als Auflauf, mit Steak, Schnitzel, Fisch oder geräuchertem Schinken…

Das ist für mich Frühling pur!

 

Jetzt ist es auch wieder Zeit, meinen diesjährigen Spargelwein einzulagern, wobei ich eigentlich zwei Favoriten habe und ich jedes Mal in meinem Keller vor die große Entscheidung gestellt werde: Welcher wird es diesmal?

Zum Glück ist immer einer von meinem Freund Horst Sauer dabei: Seinen Silvaner oder seinen Müller-Thurgau, das ist hier nur die Frage.

Die Beantwortung grenzt für mich fast an eine Qual, da beide für mich die perfekten Begleiter zum Spargel und zum Frühling sind. Frisch, mit saftiger Frucht und feinwürzigen Aromen – echt lecker! Beide Weine sind leicht, haben eine dezente Säure und harmonieren somit perfekt zum Spargel in all seinen Kombinationen.

„Spargel mag keine Säure!“

Er wehrt sich dagegen mit einem bitteren und metallischen Geschmack und das will man ja nun wirklich nicht. Außerdem entwickeln beide Weine genug Power auf der Zunge, um auch mit meiner Lieblingsbeilage – meine Frau Simone sagt immer „Fett mit Fett in Sauce“ – der Sauce Hollandaise klar zu kommen.

Fett mögen die beiden Weine richtig gerne und ich auch.

Es gibt viele verschiedene Müller-Thurgaus und Silvaner, die Rebsorten bringen naturgemäß die Voraussetzung für einen perfekten Spargelwein mit. Ich benötige aber noch den besonderen Kick und deshalb kommen die mir nur von Horst Sauer ins Glas.

Horst habe ich bereits 2003 kennengelernt. Damals war er schon eine echte Legende in der deutschen Weinszene, war anerkannt und prämiert als einer der besten Weißweinproduzenten Europas. Und galt als zurückhaltender Eigenbrötler.

Getroffen haben wir uns auf der Pro Wein und Horst saß an einem Tisch im hinteren Bereich seines Standes, abgeschirmt von seinen Mitarbeitern und seiner Tochter Sandra, die im vorderen Bereich alle Hände damit zu tun hatten, die Weinkenner der Welt zu bespaßen. Ich hatte zum Glück einen Termin über seinen Bruder bekommen, aber das ist eine andere Geschichte.

Also vorbei an der „Security“ hin zu Horst an den Tisch, ein kräftiger Händedruck – Winzerhände sind schon schwielige Schraubzwingen – und dann Schweigen.

Ein Glück bin ich Norddeutscher und das gemeinsame Schweigen gewohnt. Ist auch eine Art von Kommunikation, nur eben leiser und subtiler. Nach dieser Gedenkminute fragt Horst mich dann: „Möchtest Du was verkosten?“ und ich nicke schweigend. Sieger, denke ich! Wir Fischköpfe sind halt doch die größeren Schweiger.

Trotzdem, irgendetwas ist zwischen Horst und mir passiert. Wir sind so etwas wie Brüder im Geiste. Verstehen uns ohne viele Worte und probieren die Weine. Ich habe vorher schon mit vielen Winzer*innen gesprochen und danach noch viele weitere getroffen, aber Horst ist einfach anders. Mir kommt die Assoziation von der Skulptur „Der Denker“ von Auguste Rodin in den Sinn. Kein Wort zu viel, alles durchdacht. Keine unnötige Show, sondern einfach Horst.

Normalerweise höre ich mir immer an, dass der Wein im Weingarten entsteht und im Keller dann nur noch das von der Naturgemachte in die Flasche gebracht wird. Bei Horst entsteht der Wein erst im Kopf, bevor überhaupt die erste Weintraube gelesen wird. Er kennt seine Böden, seine Reben und weiß, was während der Vegetation im Weinberg passiert.

Das alles kombiniert er im Kopf und schmeckt den Wein, bevor er ihn das erste Mal probiert. Und so sind die Weine von Horst wahre Meisterwerke und keine Zufälle. Einfach immer ein Erlebnis!

Mittlerweile sind wir nicht mehr so schweigsam und das liegt definitiv nicht am Alkohol, sondern daran, dass wir uns einfach gut verstehen.

Wir sprechen über Weine und alles, was uns sonst noch so in den Sinn kommt. Irgendwann kramt er dann aus seinem Kühlschrank noch eine Flasche. „So den musst Du jetzt noch probieren.“ Ein Silvaner. „Das ist ein Wein, den ich für ein Projekt mit anderen Winzern aus Franken gemacht habe. Jeder von uns macht einen Wein, der das ursprüngliche Franken symbolisieren soll. Meine Kollegen wollen daraus aber eine große kommerzielle Geschichte machen und“, jetzt ist Horst wieder schweigsam, „und ich will das nicht.“

„Es geht um den Geschmack und nicht um irgendeinen Verkaufserfolg. Es geht um Heimat, um Tradition und Verbundenheit. Ich mach das nicht mit. Das ist fast so etwas wie Verrat an dem, was ich glaube.“

Er schenkt ein und ich halte erstmal nur die Nase rein, dann der erste Schluck und jetzt bin ich nicht schweigsam, sondern sprachlos. Was für ein Stoff! Meine Begehrlichkeit ist geweckt. Ein tiefer Blick und dann… „Okay Du kannst den Wein bekommen. Aber er braucht einen Namen, damit er sich von meinen anderen Weinen abgrenzt. Der ist dann für Dich exklusiv.“ Da der Wein das ursprüngliche Franken symbolisieren soll, ist das mit dem Namen nicht mehr so schwer und der Ursprung ist sozusagen geboren.

Ein paar Jahre später, es war natürlich zur Spargelzeit, habe ich dann mit Horst telefoniert und wir kamen auf den Müller-Thurgau zu sprechen. Eine verkannte  Rebsorte mit schlechtem Image aber tollem Geschmack. „Ich habe da einen tollen Müller im Tank, mal neu und anders gemacht. Ich schicke Dir eine Probe zu.“ Beim nächsten Spargelessen habe ich den Wein dann probiert und seitdem gibt es nicht nur zwei exklusive Weine von Horst Sauer mit dem Namen Ursprung für uns, nein, seitdem quäle ich mich auch immer wieder mit: Silvaner oder Müller? Das ist hier die Frage.

Letztes Jahr hat dann aber meine Frau gestreikt. „Du weißt doch, dass ich lieber einen Rosé trinke. Du musst nicht immer nur an Dich denken. Such mir doch mal was Schönes aus. Du kennst doch meinen Geschmack.“ Nun muss ich sagen, das ist so eine Sache mit kennen und verstehen. Das ist eine heikle Angelegenheit. Also wenn man ehrlich ist, kann das eigentlich nur schiefgehen. Manchmal meint das Leben es aber gut mit den Dummen und als ich dann ein paar Tage später in mein Büro komme, habe ich eine Musterflasche Mistral Rosé Cotes de Provence auf dem Tisch. Auch eine Art von Projektwein von dem es auch schon einen Gin gibt. Südfranzösisches Lebensgefühl in ansprechendem Design. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt und am nächsten Sonntag hat meine Frau ihren Rosé zum Spargel.

„Ich wusste doch, dass ich mich auf Dich verlassen kann. Der Wein ist richtig klasse.“

Manchmal ist die richtige Weinauswahl eben auch bei mir nicht nur Erfahrung, sondern auch Glücksache. Und wenn es zum Spargel mal kein Weißwein sein soll, dann ist ein Rosé aus der Provence sicherlich eine gute Alternative.

Cheers, Kai